Die Redenstrafferin

Käselöcher. Im Kopf. Und Ihr so?

web_20160923_kerschgenskatja-5893Ich bin nicht krank. Ich habe eine Krankheit. Ob sie mich hat, ist noch nicht entschieden.

Ich bin Germanistin, Autorin, Rhetoriktrainerin, Kommunalpolitikerin, Ehefrau, Stiefmutter, Schlagzeugerin, Motorradfahrerin… Ganz nebenbei lebe ich seit über 20 Jahren mit der Diagnose MS – Multiple Sklerose.

Motorrad fahren, Tischtennis spielen, Städtebesuche mit Museumsmarathon, Schlagzeug spielen – seit zwei, drei Jahren ist damit Schluss. Es geht nicht mehr. Beim Gehen habe ich seit Anfang dieses Jahres einen Stock dabei. Natürlich ein schickes Exemplar. Ich habe es kurzerhand zu einem meiner Markenzeichen gemacht. In der Garage steht ein Rollstuhl für längere Strecken.

Die Krankheit, die für die Augen anderer lange verborgen war, wird nun sichtbar. Und ich nutze das – zum Beispiel in meinen Vorträgen. Ich spreche mittlerweile auf Bühnen offen über meine Krankheit, über die wachsenden Einschränkungen – und gebe den Zuhörern gleichzeitig Lebensbotschaften mit.

Da ich mit immer mehr Grenzen konfrontiert werde, müssen meine eigenen Ziele stets neu konfiguriert werden. Aber gilt das nicht für jeden Menschen – ob aufgrund von Entlassung aus dem Job, Beziehungsende oder Krankheit? Grenzen sind oft sehr real und schwer wegzudiskutieren. Doch wer den Zaun entlangschaut, entdeckt vielleicht eine Lücke, einen Umweg oder eine ganz neue Richtung.

Meine Empfehlung: Statt gegen Grenzen anzurennen, lohnt es sich, nach neuen Perspektiven Ausschau zu halten, an die man bis dahin vielleicht noch gar nicht gedacht hat. Mir selbst fällt das auch nicht immer leicht, wenn wieder eine Selbstverständlichkeit aus meinem Alltag herausbricht. Aber ich stellte fest, dass das genau meine Lücke im Grenzzaun ist, wenn ich nämlich vor Publikum über mein Leben spreche – mit all seinen Möglichkeiten und Widrigkeiten. Für irgendetwas sollte es ja gut sein, dass ich diese Krankheit habe: Ich kann anderen etwas mitgeben!

Mein Lebensslogan lautet: Wir sind nicht Opfer der Umstände, sondern Gestalter der Umstände. Für mich geht es darum, das bestmögliche Leben im Rahmen zwille_rollstuhlder Möglichkeiten zu leben.

Mit meinem eigenen Lebensweg und dem dazugehörigen Lebensmut möchte ich zeigen, dass es mitunter sinnlos ist, einen großen Lebensplan zu entwerfen und abzuarbeiten. Viel wichtiger sind die täglichen Entscheidungen. Jetzt, in dieser Minute, kann ich mich entscheiden, dass es mir gut geht. Unabhängig von allen gedachten oder realen Grenzen. Damit ist ein kleiner Teil meines Lebens schon gerettet!

Mach was draus!

8 Gedanken über “Käselöcher. Im Kopf. Und Ihr so?

  1. Ulrike Bergmann

    Liebe Katja Kerschgens,

    herzlichen Dank für Ihren Beitrag und den Mut, sich mit Ihrer Diagnose zu outen. Ihre Zeilen zeigen jedem von uns, wie wir mit auftretenden Grenzen umgehen können – egal welcher Natur diese sind.
    Ja, manchmal ist es sinnlos, einen großen Lebensplan zu entwerfen. Dass häufig etwas dazwischen kommt, wissen alle, die intensiv mit Visionen arbeiten. Dabei sind es – wie Sie auch schreiben – häufig die vielen kleinen Entscheidungen, die auch ohne derartige Einschränkungen dazu beitragen, dass wir “unser” Leben leben.

    Alles Gute, viel Kraft und eine hohe Resonanz für Ihre Botschaft!
    Ulrike Bergmann

    1. Katja Kerschgens Beitrags Autor

      Liebe Ulrike Bergmann, vielen lieben Dank für die wunderbaren Zeilen. Ich empfinde es übrigens nicht als Outing, es ist vielmehr eine endgültige Manifestation von etwas mittlerweile Unübersehbaren. Es ist für mich kein Makel, sondern ein Teil von mir, den ich mir jetzt zunutze machen werde. *trotzigguck 😀

  2. Michael Zachrau

    Du gibst uns mit Deinem Artikel so viel. Wir wissen alle so wenig über das, was andere Menschen oder das Gegenüber zu tragen haben.
    Danke für Deine Offenheit und den vorbildlichen Mut.
    Neid und Gier übersehen gern, welche Anstrengungen und wie viel Durchhalten und wie viel Einsatz nötig sind, um etwas Nachhaltiges zu erreichen.
    Du bist mir ein Vorbild und ich wünsche mir mehr authentische und ehrliche Menschen wie Dich.
    Aber ich befürchte, dass die Hochglanzfassaden der Glücksritter erst fallen, wenn es zu spät ist.
    “Life is what happens when we are busy making other plans” John Lennon

    1. Katja Kerschgens Beitrags Autor

      Es freut mich sehr, lieber Michael, wenn ich mit meinen Worten (und vielleicht auch Taten) andere Menschen (be)stärken kann. Danke für dieses wunderbare Feedback!

  3. Julia

    Hallo Katja, wir kennen uns schon lange, seit ich Testleserin deines Science Fiction Romans war, doch wusste ich nichts von deiner Erkrankung, so wie auch ich nicht über meine gesprochen habe. Das scheint mir symptomatisch für “uns” zu sein – wir kämpfen, machen gleichzeitig anderen Mut und leben unser Leben unbeeindruckt von Widrigkeiten, die uns im Gegenteil eher anspornen. Ich wünsche dir weiterhin die Energie der 100 Herzen und noch viele Möglichkeiten, deine Erfahrungen mit Menschen in großer und kleiner Runde zu teilen. Eine feste Umarmung und viele, liebe Grüße!

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