Die Redenstrafferin

ZwillenZank: “Aber ich kann meine Rede doch aufschreiben!”

Folgende Sätze klingen so logisch, dass sich viele Redner liebend gerne daran halten: “Wenn ich meine Reden aufschreibe, dann kann ich auch nichts vergessen. Außerdem kann ich meine Rede dann ganz genau vorbereiten.”

Da ist natürlich was dran: Wer schreibt, der bleibt. Ein Redner, der gestelzt klingen will und sich in Bandwurmsätzen wiederfinden möchte, ist mit einem ausformulierten Redemanuskript auch bestens bedient. Leider aber wirken solche Reden sehr unpersönlich, entbehren jeder Spontanität und sind oft bespickt mit schwer verdaulichen Worthülsen, Schachtelsätzen und Fachbegriffen. Diffuslingen eben.

Wer eine Rede ausformuliert und aufgeschrieben hat, hält keine Rede, sondern eine Lese. Zuhörergehirnen liegt so etwas überhaupt nicht. Oder wie es Henry Kissinger bereits auf den Punkt brachte: “Eine abgelesene Rede garantiert, dass Ihnen das Publikum nicht zuhört.”

Eine straffe Rede wird frei gesprochen. Die Sprache ist so natürlich wie in einem persönlichen Gespräch, wirkt authentisch und spontan. Wer bei straffen Rednern mal mitschreiben sollte, wird sehen, dass diese entgegen aller Grammatikregeln der Schriftsprache sprechen. Das ist normal und geht sehr gut ins Ohr. Ein frei gesprochener Text lebt und bewegt sich mit dem Redner mit. Und nur ein bewegter Redner bewegt auch seine Zuhörer. Das spricht für Stichworte auf einer Redekarte, aber niemals für ausformulierte Sätze.

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